Kann das weg?

Was soll bleiben, was kann weg? Die Frage, was denn nun systemrelevant ist, verhält sich wie hartnäckiges Hintergrundrauschen während der ganzen Zeit der Pandemie. In einem Interview von reformiert. sagte Alt Bundesrat Moritz Leuenberger zum Begriff «systemrelevant», er hoffe – und da bin ich ganz bei ihm – dieser inflationär verwendete Begriff werde zum Unwort des Jahres gewählt. Warum? «Es stammt aus Zeiten der Bankenkrise und sieht eine Gesellschaft nur gerade als ökonomisches Räderwerk. Diese ist aber mehr, als Geben und Nehmen. Empathie, Liebe, andere Dinge, die wir dem Menschen und seiner Seele zuschreiben, sind zentral.»

Währenddem wir damit beschäftigt sind zu fragen, was der Mensch denn so ganz grundsätzlich zum leben und atmen brauche, gerät die Kunst ins Hintertreffen. Weil sie oft als verzichtbarer Luxus gilt. Das «Sahnehäubchen der Gesellschaft» – hübsch anzusehen aber wen juckts, wenn sie fehlt? Ist sie tatsächlich rechtfertigungsbedürftig? Auf jeden Fall starte ich hier keinen Versuch diesbezüglich. Ich stelle lediglich ein paar Dinge fest:

Seit es uns gibt, beziehen wir uns sprachlich, künstlerisch und musisch auf unsere Umwelt. Kunst, Musik, Theater, Literatur und Film hilft uns, die Dinge zu begreifen und mit ihnen umzugehen. Hoffentlich sind wir weit davon entfernt, Kunst nur zu Entspannungs- und Erholungszwecken zu verdingen. Abends Netflix kann nicht alles sein! Der Soziologe und Kulturtheoretiker Dirk Baecker sagte dazu in einem Interview: «Die Kultur ist ein dauernder Versuch, meine menschlichen Zustände (also das, was ich denke, fühle, empfinde, hoffe und fürchte) mit der jeweiligen gesellschaftlichen Umgebung (was mir geboten wird, was von mir erwartet, mir zugemutet wird) in Balance zu bringen.»

So ähnlich erlebe ich das. Filme können mir helfen, einigermassen zu verstehen, wie beispielsweise Rassismus geschichtlich gewachsen ist. Bücher und Geschichten beschreiben mir fiktive Charaktere, die ich in meiner Realität zu Teilen wiederfinde und besser einordnen kann. Bilder zwingen mich, etwas in den Fokus zu nehmen, was ich sonst nicht im Blickfeld hätte. Und wenn ich die Welt gar nicht mehr verstehe, befriedet Musik meine aufgebrachte Seele. Alles hilft mir beim Balanceakt auf dem Hochseil zwischen meinem Empfinden und dem Wunsch, einigermassen einordnen zu können, was da draussen eigentlich passiert. 

Natürlich würde ich auch atmen, wenn ich mir keine Bilder mehr anschauen, mir keine Musik mehr anhören könnte. Und natürlich gibt es auch funktionierende Systeme, wo jegliche Schönheit fehlt. Aber wer sind wir, zu bestimmen, dass es gewisse Menschen oder Institutionen nicht bräuchte? Ich brauche sie, weil ich schlicht und einfach mehr sehen, hören und fühlen will. Kulturschaffende leihen mir dazu ihre Brillen. Durch die eine sehe ich schärfer und lerne. Eine andere zoomt mir Fremdes heran. Wieder eine andere färbt alles neonpink und weckt Freude. Einige halten mir den Spiegel vor oder zeigen mir den Platz, wo ich mit meinen «menschlichen Zuständen» hin kann. Klarer Fall: Das kann nicht weg!