Auf Biegen und Brechen

Pablo Picasso war eigentlich immer pleite. An dem Tag, von dem ich euch erzähle, war er es nicht. Von einem unverhofften Geldsegen hatte der Maler eine große Leinwand gekauft. Nun saß er vor eben dieser weißen Fläche in seinem Pariser Studio. Es sollte ein provokantes Projekt werden: das Porträt von fünf Prostituierten in einem Bordell. Die Reaktionen seiner Freunde auf den ersten Entwurf waren so ernüchternd, dass er das Gemälde ein paar Monate zur Seite legte. Danach malte er im Verborgenen weiter. Er sah das Projekt als «Exorzismus seines eigenen Stils». Je länger er daran arbeitete, desto weiter entfernte er sich von seinen früheren Bildern. Freunde begannen, Picasso zu meiden, andere waren besorgt um seinen Geisteszustand. Er bot das fertige Gemälde einem Kunden an. Dieser lachte nur. Enttäuscht rollte Picasso die Leinwand ein und versteckte sie im Schrank. Mitten im Ersten Weltkrieg zeigte er «Les Demoiselles d’Avignon» zum ersten Mal öffentlich. Die Kritik war vernichtend. Doch der Einfluss des Gemäldes wuchs. Als es Jahrzehnte später im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurde, schrieb ein Kritiker der New York Times:

«Wenige Gemälde haben derart weitreichenden Einfluss gehabt, wie diese Komposition von fünf entstellten nackten Gestalten. Mit einem Pinselstrich stellte es die Kunst der Vergangenheit in Frage und gab der Kunst der Gegenwart eine neue Richtung.»

Das Werk wurde zum kunsthistorischen Wendepunkt. Als einer der Ersten widersetzte Pablo Picasso sich der realitätsgetreue Abbildung des Lebens. Picassos Gemälde verstieß gegen die westliche Vorstellungen von Schönheit, Darstellung und Anstand. Ein Schlag in das Gesicht der Kunsttradition. Und ein wunderbares Beispiel dafür, wie aus dem Rohmaterial von Erfahrung etwas ganz Neues gestaltet wird. 

Ideen entstehen nie aus dem luftleeren Raum. Wissen und Kreativität gehören zusammen. Wenn wir kreativ sind, greifen wir auf Bekanntes zurück und verändern es. Das zumindest behaupten Eagleman und Brandt. Der eine ist Hirnforscher, der andere Komponist.

Die Künstlerin und Illustratorin Lonni Sue Johnson scheint die These der beiden Autoren mit ihrer Geschichte zu bestätigen. Es ist eine tragische und eine traurige Geschichte. Lonni Sue Johnson war künstlerisch tätig und gestaltete Titelseiten für den New Yorker, bis sie aufgrund einer Infektion mit einem Virus fast all ihre Erinnerungen verlor. Sie vergisst ihren Alltag alle paar Minuten und zeichnet nur noch ansatzweise. Die Gesetzmässigkeiten der Kreativität nach Eagleman und Brandt greifen nicht mehr. Da ist kein vorhandenes Material mehr in ihr, auf das sie zurückgreifen, das sie verändern, auseinandernehmen und neu kombinieren könnte. 

Die Denksoftware unseres menschlichen Gehirns bringt all das hervor, was um uns ist: Straßenlaternen, Sinfonien, Gesetze, Gedichte, Handys, Deckenventilatoren, Wolkenkratzer, Drachen, Ketchupflaschen und fahrerlose Autos. Dank dieser Software nehmen wir die Welt um uns wahr und stellen uns gleichzeitig andere Welten vor. Wir beobachten Fakten und schaffen Fiktionen. Wir lernen das, was ist, und stellen uns vor, was sein könnte.

Eagleman und Brandt sagen, es gehe dabei immer um drei Techniken: 

Wir verbiegen, beziehungsweise verändern das Vorhandene, wir zerbrechen es und durch das Weglassen entsteht Neues oder wir verbinden Dinge, die bisher nicht zusammengehört haben. 

  1. Ob Picassos «Demoiselles d’Avignon» oder neue Musikstile des 20. Jahrhunderts: Alles Produkte des Verbiegens. 
  2. Ohne die Fähigkeit, Dinge wegzulassen, wären nie Smartphones ohne Tasten entstanden. 
  3. Und der Straßenkünstler Banksy irritiert, weil er Dinge zusammenführt, die nicht zusammengehören. Einen maskierten, gewaltbereiten Mann, der einen Blumenstrauß von sich schleudert, beispielsweise.

 

Biegen, brechen, verbinden. 

Mehr braucht es nicht, um die Welt neu zu gestalten.

 

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