Stell dir vor!

Heute möchte ich dir von einem Menschen erzählen, den ich vor nicht allzu langer Zeit kennengelernt und ziemlich schnell in mein Herz geschlossen habe.

Sie ist klein, zierlich, hat rote Haare, ein Sommersprossengesicht und holt kaum Luft, wenn sie redet. Ach ja, übrigens: Sie redet unglaublich viel. Eigentlich ununterbrochen. Und sobald sie redet, überfordert sie mich eigentlich auch fast immer. Alles ist so emotional, überbordend, schwülstig und altklug. Aber eben auch irgendwie wahr und ehrlich – genau das macht sie so liebenswürdig, dass man sie über kurz oder lang eben einfach ins Herz schließen muss.

Mit dieser Meinung bin ich nicht alleine. Fast allen aus dem Dorf, in dem sie lebt, ging es irgendwann so. Und mit ihnen einem Millionenpublikum.

Beinahe hätte ich es vergessen, zu erwähnen: Ihr Name ist Anne. Mit einem E am Ende. Und ich habe sie gemeinsam mit meiner Familie auf Netflix kennengelernt. 

Ihre Geschichte ist die eines Waisenmädchens, das von einem alten Geschwisterpaar auf einem Bauernhof auf der kanadischen Insel Prince Edward Island adoptiert wird und dann gefühlt die ganze Provinz auf den Kopf stellt. 

Das hier ist jedoch viel weniger eine Empfehlung für die Fernsehserie (oder den Roman, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts bereits Generationen von Leserinnen und Lesern verzaubert hat). Vielmehr möchte ich davon erzählen, was ich von Anne gelernt habe.

Ihre Superkraft nämlich ist die Kraft der Vorstellung!

Und ihre Empörung, wenn Menschen um sie herum über ebendiese nicht verfügen, ist jeweils so unfassbar groß, dass sie mich und meine ganze Familie davon überzeugt hat, dass ein Leben ohne Vorstellungskraft kein wirkliches Leben sein kann.

Wenn andere sagen, dass sie ohne Liebe, Gesundheit, Familie, Erfolg, Zufriedenheit oder Sicherheit nicht leben können, sagt Anne: Ohne Vorstellung geht bei mir nichts!

Diese Überbetonung der Fantasie hat mich dermaßen fasziniert und dazu geführt, dass ich seither nochmals ganz neu darüber denke. Denn die Anne’sche Kraft lässt sie eben nicht einfach in irgendwelche Utopien oder Märchengeschichten abdriften. Sie führt dazu, dass sie Empathie zeigt, Vertrauen schafft, Lösungswege entdeckt, ins Handeln kommt, Innovation anregt, Brücken bildet und Frieden stiftet.

Nicht selten musste ich mir während der 3 Staffeln und knapp 30 Folgen ein paar Tränen aus dem Gesicht wischen und fragte mich jeweils: Wie um alles in der Welt hat sie das denn nun wieder geschafft?

Mir schien es, als würde dieser kleine wirblige, hochemotionale und vor allem fiktive Rotschopf mitten in meine KI-generierte und Smartphone-verstopfte Welt hineinrufen:

Hey, sieh nur, was im echten Leben mit echten Menschen und echter Menschlichkeit alles möglich ist.

Gute Geschichten, gut gespielt und gut inszeniert haben dieses Potenzial. Dreimal darfst du raten: dank unserer Vorstellungskraft!

Anne ist übrigens nicht in meinem Fernseher geblieben. Sie ist bei uns zu Hause eingezogen, begleitet mich an gewissen Tagen sogar zur Arbeit. Manchmal wirft sie mir dann einen theatralischen Augenroller zu, wenn uns wieder einmal eine absolut fantasielose Person über den Weg läuft. Dann lachen wir uns kurz zu und machen uns daran, diese Welt schöner zu hinterlassen, als wir sie angetroffen haben.

Keine Ahnung, wie das ohne Vorstellungskraft überhaupt möglich sein sollte. Pfff!

 

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