Mach mal laut!

Wir proben mal wieder für ein größeres Projekt. Mit dabei: ein 250-köpfiger Chor. Der braucht Platz. Und diesen findet man zum Beispiel für alle gut erreichbar mitten in der Stadt in einer großen Kirche.

Die Chorproben finden alle zwei Wochen statt, jeweils am Dienstagabend. Eine herrliche Szenerie! Strahlende Gesichter, weit aufgesperrte Mäuler, wunderschöne Klänge.

Und weil ich das Projekt verantworte, gerne einen guten Eindruck hinterlasse und geeignete Probelokale nicht ganz einfach zu finden sind, sprach ich nach der zweiten Chorprobe bei der Betriebsleiterin der Stadtkirche vor und wollte wissen, wie wir denn als Mieter so abschneiden.

Ich stellte mir schon vor, wie die Dame vor Freude in ihrem Büro herumtänzelt und mir für die reibungslose Zusammenarbeit dankt. Schließlich hatte ich nach der Probe jeweils peinlichst genau darauf geachtet, dass alles wieder an seinem angestammten Platz stand, die Lichter gelöscht, alle Türen verschlossen wurden und nichts mehr herumlag.

Ihre Reaktion fiel dann allerdings nüchterner aus. Aus ihrer Sicht sei grundsätzlich alles okay. Nach der ersten Probe habe sie jedoch von der Pfarrperson, die direkt neben der Kirche wohnt, eine E-Mail erhalten. Darin schilderte die Pfarrperson, wie sie wegen des plötzlichen Lärms aus der Kirche erschrocken sei. Es habe sich angehört, als würde eine große Menschenmasse herumbrüllen. Das sei so störend gewesen, dass sie ihre Predigtvorbereitung, die sie jeweils gerne auf den Abend lege, nicht mehr weiterführen konnte.

Nachdem die Betriebsleiterin die Pfarrperson darauf hingewiesen hatte, dass alles mit rechten Dingen zugehe und es sich übrigens nicht um schreiende, sondern um singende Menschen handle, meinte diese wiederum: Das sei ja schön und gut. Ihr sei auf jeden Fall aufgefallen, dass eine fremde Gruppe in der Kirche gewesen sein musste. Am darauffolgenden Sonntag habe ihr Notenständer nämlich nicht mehr seine ursprüngliche Höhe gehabt.

Ich weiss nicht mehr genau, welche Reaktion die Betriebsleiterin auf meinem Gesicht ablesen konnte. Es muss jedoch so perplex und urkomisch ausgesehen haben, dass wir beide Sekunden später in schallendes Gelächter ausbrachen.

Ich verließ das Büro schließlich im Wissen, dass die Betriebsleiterin happy war und wir die Kirche gerne auch in Zukunft nutzen dürfen – und dass wir einen einzelnen Menschen in seinem scheinbar privaten Universum aufgescheucht hatten.

Ein echt sonderbares Universum, wenn ihr mich fragt. Wenn Chorproben unter der Woche und verstellte Notenständer in der Kirche Reaktionen hervorrufen, dann… naja, dann… braucht es dringend mehr davon!

Seit vielen Jahren predige ich, dass Kunst die Kirche belebt – und unbedingt beleben muss, wenn wir nicht irgendwann in gut gepflegten, dafür aber starren, kalten und einsamen Kirchenmauern sitzen wollen.

Genauso wie soziale Initiativen oder gute Liturgien. Hauptsache, wir treffen in Kirchen ein lebendiges Evangelium in Wort und Tat an. Und vor allem: Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Hintergründen und Auffassungen. Menschen, die Möglichkeiten antreffen, wie sie partizipieren können und Gemeinschaft erleben, die sie aufbaut.

Ich für meinen Teil weiß, was mein Beitrag ist. Deshalb: Haut rein, Leute! Ölt eure Stimmbänder und macht mal ordentlich laut. Choir is back!

 

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