Seit bald 10 Jahren erzählen mein Bruder und ich gemeinsam als «Theater Bruderboot» Geschichten über das Leben. Wir nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise zu selbst Erlebtem und selbst Ausgedachtem. Zusammen kommen wir auf gut 90 Lebensjahre. Wir haben schon so einige Geschichten erlebt, die sich wunderbar in ein Theater komprimieren lassen. Aber ergeben zweimal 45 Jahre tatsächlich 90 Jahre Lebenserfahrung? Wahrscheinlich nicht. Oder würden wir eine Kindergartenklasse mit einer addierten Lebenserfahrung von 90 Jahren über Themen wie Prostata oder Wechseljahre befragen? Und doch: Zweimal 45 sind mehr als einmal 45.
In der Menschheitsgeschichte wurde alles schon mehrfach erlebt. Die große Liebe und die großen Verluste. Große Einsamkeit und großes Miteinander. Die Geschichte lehrt uns, was wir tun sollen und was nicht. Jesus zeigte uns, wie wir mit ungerechten Anschuldigungen, mit Ablehnung und Häme umgehen können. Wie es möglich ist, dass daraus nicht nur kein Hass entsteht, sondern eine völlig neue Art von Frieden und Versöhnung.
Es mangelt uns also nicht an Wissen. Wieso kriegen wir dann Vieles doch nicht besser hin? Als Vater wünsche ich mir, dass meine Fehler meinen Kindern als Brücke dienen. Dass sie aus meiner Erfahrung lernen können. Doch oft sehe ich, wie sie neben der Brücke durch denselben Fluss gehen.
Es scheint, als bräuchte es das Leben, und zwar das eigene, um wirklich zu lernen.
Aber macht das die Geschichte nutzlos, wenn wir doch nicht daraus lernen? Mitnichten. Auch ein Kind mit bestem Umfeld muss seinen eigenen Lebensweg gehen, gespickt mit falschen Entscheidungen und Fehlern. Aber ein gutes Umfeld macht den eigenen Lebensweg einfacher. Vielleicht helfen einem Fehler der anderen Menschen nicht immer, eigene zu vermeiden. Aber es ist tröstlich, zu wissen, dass man damit nicht alleine ist.
Drei Monate nach der Premiere unseres neusten Kindertheaterstücks gehen wir nun mit einem neuen Projekt in die Altersheime. Plötzlich bringt ein einzelner Zuschauer so viele Lebensjahre mit wie zuvor das ganze Publikum. Diese geballte Ladung an Lebenserfahrungen macht uns demütig. Es fühlt sich für uns ein bisschen an, wie Wasser in einen Brunnen zu tragen.
Aber auch wenn wir weniger zu sagen haben, bleibt uns doch etwas zu erzählen. Ich erinnere mich, wie viel mich meine damals noch ganz kleinen Kinder schon gelehrt haben. Wie sie mir Glück gezeigt haben, bevor sie überhaupt sprechen konnten.
Wir können den Mund öffnen, um zu reden, oder um zu staunen. Beides ist ein Wunder des Lebens.
Wir vertrauen darauf, dass wir etwas bewirken können, wenn wir mit offenem Herzen kleine Geschichten erzählen. Jede Aufführung wird uns neue Geschichten schenken. Die wiederum werden die nächsten Aufführungen beeinflussen. Das Theater, ein Mikrokosmos der Welt. So lieben wir das!