Versprechen in freundlichem Butter Yellow

Um ein Haar hätte ich auf KAUFEN geklickt. Ordnung, Struktur und Freiheit – wer kann bei diesem Versprechen zum Jahresstart in «freundlichem Butter Yellow» schon widerstehen? Als Mensch mit einem hohen Bedürfnis nach Struktur und gleichzeitig der komplett fehlenden Fähigkeit, diese selbst herzustellen, bin ich regelmäßig in Gefahr zu denken, der richtige, schön designte Wochenplaner könnte all meine Probleme lösen, mich aus meinem Chaos retten und aus mir einen besseren Menschen machen.

Jede Woche ein neuer Anfang. Und das mit passendem Bleistift dazu.

Nur die umständliche Lieferung in die Schweiz hat meinen Zeigefinger gestoppt und mich zur Besinnung, sprich zurück zur Kapitalismuskritik gebracht.

Also kein Zeugs, sondern Zeit. Nicht außen, sondern innen neu im 2026. Mir wird die «Woop»-Strategie empfohlen. Ein Akronym für «Wish-Outcome-Obstacle-Plan». Allein der Begriff ist mir zu anstrengend. Träume, persönliche Ambitionen, positives Denken und so. Eigentlich voll gut. Und trotzdem bekomme ich bereits bei den Reflexionsfragen Ausschlag in den Kniekehlen. Was willst du erreichen? Welche Hindernisse stehen dir im Weg? Wie gehst du mit Hindernissen um? Unternehmerisches Denken – hab ich verstanden. Nur: Ich bin keine Firma.

Andere reißen mit viel Pathos das «Vision Board» von der Wand und hängen stattdessen das «Becoming Board» auf. Ihr lacht. Aber das ist ganz etwas anderes. Es wird nicht mehr das perfekte Leben visualisiert, sondern der Weg dorthin kommt in den Fokus. Nicht der Marathon, sondern Laufschuhe anschaffen. So habe ich das verstanden. Ihr merkt: Der Zynismus ist bei mir ins neue Jahr mitgerutscht. Und das, obwohl der Januar als Monat der Läuterung gilt. Der Montag unter den Monaten ist aber auch eine echte Zumutung! Meteorologisch wie emotional.

Eine Redakteurin hat mir auf eine Kolumne mal das Feedback gegeben, es wäre schön, wenn ich nicht nur über alles herziehen würde, sondern im Minimum im letzten Abschnitt die Hoffnung aufblitzen lassen könnte oder mir die Mühe eines Gegenvorschlags machen könnte. Ihre Stimme sitzt mir heute noch im Ohr. Hier also mein konstruktiver Beitrag aus der Lebensgestaltungs-Wühlkiste. Ein Gegenvorschlag zu all dem erwähnten Selbstoptimierungs-Bullshit, der mich zum Jahresstart geflutet hat. Et voilà:

Das Leben ist eine Fuge, keine Symphonie!

Eine klassische Symphonie besteht aus vier Sätzen. Ein schnell beginnender erster Satz, ein langsamer zweiter Satz, ein tänzerischer dritter Satz und ein schneller, abschließender vierter Satz – das Finale. Sie verläuft linear. Eigentlich eine abgekürzte Heldenreise. In die gewohnte Welt hinein ruft das Abenteuer, dann die Bewährungsprobe, die dunkle Höhle und am Ende die Rückkehr des Transformierten mit seinem Elixier.

Ich bin keine Heldin und mein Leben hält sich nicht an die zwölf Schritte der Storytelling-Masterclass. Es zerfließt, ist kleinteilig, episodisch, komplex. Ich will es weder «woopen» noch auf die dramaturgische Form der Symphonie aka Heldenreise trimmen, nur weil Filme, die das tun, kommerziell erfolgreich sind. Es lässt sich auch anders reisen. Und Arthouse-Filme schauen.

Nur weil wir geboren wurden und sterben werden, ist das Leben noch lange keine Linie!

Zu den musikalischen Kompositionsprinzipien der Fuge: Erst wird das kurze und prägnante Thema durch eine einzelne Stimme vorgestellt. Es folgen Durchgänge desselben Themas von anderen Stimmen in unterschiedlichen Tonstufen. Mit dem vorgestellten Thema wird also gespielt, es wird abgeändert, durch kurze Zwischenspiele oder Kontrapunkte fragmentiert. Die Fuge geht nicht von A nach B in vier Sätzen, sie umkreist einen Kern in Variationen. Immer mal wieder dasselbe, nur anders. Das trifft meine Lebenswirklichkeit sehr viel eher.

  • Denke in Phasen und Zyklen! (This is the Shit – das wissen mein Garten und meine Gebärmutterwand schon längst)
  • Dreh dich im Kreis! (Für Fortgeschrittene: Verschiebe einen Punkt auf dem Kreis um ein Minimum, schon entsteht eine Variation, der Kreis wird zur Spirale und das Leben gewinnt an Tiefe.)

Genau so lasse ich das neue Jahr anrollen. Die gerade Linie ist eh gottlos. Oder wie war das nochmal, Herr Hundertwasser? Und wenn vor lauter Metaphern doch alles aus den Fugen geraten sollte, kann ich immer noch den Wochenplaner in «freundlichem Butter Yellow» bestellen.

 

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