In der Schule des Friedens

Die Kontraste – sie könnten nicht heftiger sein in diesen Tagen. Einmal mehr. Während ich in meiner gut beheizten Stube sitze, einen Cappuccino trinke und diesen Text hier schreibe, kämpfen Menschen ums Überleben: Menschen in Kriegsgebieten und Konfliktsituationen.

Einige kenne ich persönlich, weil ich ihnen in den letzten Monaten im Rahmen einer intensiven Entdeckungsreise rund um den Frieden begegnen durfte. Dabei tut es eigentlich nichts zur Sache, dass ich diese Menschen persönlich kenne. Aber es gibt den vielen Millionen von Betroffenen, die sonst in irgendwelchen allgemein gehaltenen Newsspalten untergehen würden, ein Gesicht.

«I’m ready to die.»

Diese Worte stammen von Nastia, einer befreundeten Musikerin aus Kyiv. Die Tatsache, dass ein solcher Satz von einer energiegeladenen Frau unter dreißig kommt, ist für sich schon eine Tragödie. Die russischen Raketen haben nicht zum ersten Mal mit voller Wucht die städtischen Versorgungsnetze getroffen. Seit ein paar Tagen sitzen deshalb Millionen von Menschen ohne Strom, Wasser und Heizung in ihren Wohnungen und Häusern. Bei minus zwanzig Grad.

Ebenfalls bei zweistelligen Minusgraden gehen aktuell Tausende von Menschen in Minneapolis auf die Straße und protestieren. «Sei froh, dass du nicht hier wohnst», heisst es von Bekannten. «Es fühlt sich so an wie das, was ihr in Europa zu Beginn des 2. Weltkriegs erlebt habt.» Unbescholtene Staatsbürger erschossen von den eigenen Bundesbehörden mitten in einem aufgeheizten Krieg der Ideologien.

Es sind Geschichten und Statements, die meine Seele verzweifeln und erstarren lassen. Ganz im Gegenteil zur Veranstaltung, die ich vor wenigen Wochen mit über 300 Involvierten auf der Bühne und über 3000 Menschen im Publikum in Zürich gestalten durfte: Während eines Abends haben wir mit einem Chorkonzert die «Utopie Frieden» skizziert und besungen. Frieden, wie ihn drei porträtierte Friedensstifterinnen in widrigsten Umständen gefunden haben. Frieden, wie er unter anderem in der christlichen Tradition zu finden ist. Dieser Abend hat mein Herz erwärmt und mir Hoffnung gegeben.

Wie kann ich, wie können wir mit diesen schier unfassbaren Kontrasten umgehen? Ich bin überzeugt: Indem wir beim Frieden und seinen Botschafterinnen zur Schule gehen.

Von Elona aus Albanien, die dem Killer ihres Mannes vergeben hat, habe ich gelernt, dass ich mich täglich für Vergebung entscheiden kann. Es ist der viel schwierigere und langatmigere Weg, als sich für den Hass zu entscheiden. Doch er kann zuerst in einem einzelnen Menschen drin, dann in Familiensystemen und schließlich in einer ganzen Kultur einen Wandel anstoßen.

Von Lydia aus dem Libanon, die zeitlebens erfahren hat, wie Freunde und Feinde scheinbar über Nacht die Lager wechseln können, habe ich Unparteiigkeit gelernt. In der Liebe – und da ist die Feindesliebe miteingeschlossen – gibt es nur das «Uns». Kein «wir und die anderen». In dieser Kultur zählen Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Neutralität, göttliche Liebe für jeden Menschen.

Und von Nastia, die wie oben beschrieben, so erschöpft ist, dass sie sterben könnte, habe ich gelernt, dass «Shalom» – Friede, der weit mehr als die Abwesenheit von Krieg bedeutet – vor allem im eigenen Innern zu finden und zu bewahren ist. Das ändert die Umstände nicht, gesteht jedoch der Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Herzen einen Platz zu.

In der Schule des Friedens lerne ich, Spannungen auszuhalten, Denkmuster zu hinterfragen. Ich lerne, mich äußerlich berühren zu lassen und doch meinem Innern Sorge zu tragen. So lande ich in meiner Verzweiflung beispielsweise bei den biblischen Psalmen, die mir Halt geben. Ich lerne momentan aber auch, dass innerer Frieden zwar ein guter Anfang ist, dass wir damit aber noch längst nicht am Ziel sind.

Wenn wir Frieden in dieser Welt sehen wollen, müssen wir darüber sprechen, müssen wir gemeinsam darum ringen. Wir müssen uns berühren lassen und aktiv werden. Als weltweite Gemeinschaft. Unabhängig davon, ob wir direkt von Krieg und Leid betroffen sind. Wir müssen – und wir können! – den Minusgraden dieser Welt herzerwärmende Momente der Hoffnung entgegensetzen.

Das ist nicht zuletzt auch ein Grund, weshalb in der Nähe von Friedensbemühungen und Friedensvermittlung immer schon die Künste anzutreffen waren. Auf den Straßen und in den Kirchen von Minneapolis wird gerade gesungen. Die Esten haben schon einmal erfolgreich bewiesen, dass man gegen russische Panzer ansingen kann. Selbst die Engel haben den Menschen die frohe Botschaft des Friedens mit Gott singend überbracht.

So utopisch die Vorstellung auch ist: Auch in der Schule des Friedens gehört Singen zum Lehrplan. Und so sehr mein Herz gerade gebrochen ist, was unsere aktuelle Geschichtslektionen betrifft. Im Chor wird es von mir keine Absenzen geben!

 

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