Der Trost der Schönheit

Schlechter Titel. Pathetisch und kitschig. Immerhin: Hübsches Cover.

Ich halte das Buch «Der Trost der Schönheit» von Gabriele von Arnim in den Händen. Nach nur wenigen Seiten werde ich mitsamt meinem Vorurteil beschämt an der Wand stehen. Die Autorin füllt die Worte «Trost» und «Schönheit» anders, als ich es vorschnell vermutete.

Nachdem ihr Ehemann am Tag ihrer Trennung einen Schlaganfall erlitt, ist er vollständig gelähmt und kann kaum mehr sprechen. Während der nächsten zehn Jahre pflegte Gabriele von Arnim ihren Mann zu Hause. «Trost der Schönheit» ist eine sprachlich präzise und poetische, autobiografische Erzählung über Verantwortung, Liebe, Abhängigkeit, Schuld, Scham und Würde. Und eben über die Schönheit als existenzielle Notwendigkeit, über die rettende Kraft der Kunst. Um über die Jahre zu Hause nicht gänzlich isoliert zu werden, organisierte sie für ihren Mann einen Vorlesekreis von über zwanzig Menschen. Jeden Tag kam jemand, um vorzulesen. Ein menschliches Tor zur Welt. Überlebensstrategie.

In diesem Kontext sind die folgenden, von mir frei kuratierten Zitate aus dem Buch zu verstehen.

 

Über die Schönheit

Ich brauche Schönheit. Den Trost der Schönheit. Denn wenn ich Schönheit sehe, höre, lese, spüre, dann glaube ich an Möglichkeiten, an Wege, Räume, Purzelbäume. Schönheit kann Gefühle befreien, kann uns den Mut geben, Neues zu wagen, oder die Kraft, Unveränderbares zu ertragen. «Und was schön ist, bringt Freude», heißt es bei Euripides. Ganz so einfach ist es nicht. Denn Schönheit ist die kleine Glut, das kleine Entzücken, das große Gebrause, Schönheit ist aber auch der Stich ins Herz. Und immer wieder ist sie Zuflucht, die ich brauche – ein Blick, ein Stein, eine Rose, ein Wolkengarten. Die zärtliche Abendsonne im Nacken.

Schönheit rührt, wenn sie lebendig ist und wir es auch sind, an unser Innerstes. Dringt ein in geheime Kammern unseres Fühlens.

Schönheit, so hat es Stendhal einmal formuliert, sei lediglich eine Verheißung von Glück – und vielleicht liegt darin eines der Geheimnisse der Schönheit: Glut Momente, in denen die Phantasie beseelt, Horizonte geweitet, Räume geöffnet werden für Abenteuer, Ahnungen oder Risiken – aber auch für Einhalt und Einsicht in ihre Flüchtigkeit.

Denn Schönheit sprengt Grenzen, lässt unsere Sinneswahrnehmung explodieren, ist ein rebellischer Weckruf gegen die Norm. Schönheit will Freiheit, erlaubt Ekstase, Tumult und, ja, auch Schnitt und Wunde.

Lebendige Schönheit ist nicht nur schön oder gar adrett im herkömmlichen Sinn. Sie provoziert, überwältigt und nimmt auch Unglück und Räudiges in sich auf.

Kommt nicht genau aus dem Begehren, Grenzen zu sprengen, die Sehnsucht nach Musik und Kunst, nach Filmen und Büchern, nach Wäldern und Flüssen, nach dem Denken und Staunen. Nach Schönheit. Die uns aufbricht, wenn wir sie empfinden, die Zärtlichkeit in uns weckt, vielleicht sogar den Mut zu lieben, die uns dankbar und still werden lässt.

Manchmal schleicht sich die Makellosigkeit heran, findet sich atemberaubend, lächelt erwartungsvoll und hat keine Chance. Zu glatt, zu langweilig, zu unwandelbar, befinden sich die Schönheit und die Phantasie und spielen alleine weiter.

Schönheit und Geschmack haben wohl weniger miteinander zu tun als Schönheit und Lebendigkeit. Ob in einem Gesicht, einem Garten oder einer Wohnung.

Im alten Hebräisch der Bibel oder auch im Altgriechischen wurde das Wort Gnade unter anderem mit Anmut oder Schönheit übersetzt.

Ich suche Schönheit nicht in dem, was mir den Atem raubt, sondern in dem, das mich atmen lässt.

 

Notwendigkeit von Schönheit

Alle brauchen wir Trost. Aber so ehrlich sind nicht viele. Alle brauchen wir Schönheit. Aber das wissen viele nicht. Schönheit erfüllt uns, macht uns demütig, selig, ängstlich, liebend und traurig angesichts der überwältigenden vergänglichen Fülle. Das wollen viele nicht.

Wir brauchen Bilder und Sonaten. Bäume, Gedichte, Gedanken, die nicht nur Ablenkung sind, sondern das Versprechen hellerer Momente, die es auch für uns wieder geben könnte, vielleicht geben wird. Wir brauchen Phantasien, Melodien, Farben, Worte, die unsere Hilflosigkeit besänftigen, unsere Zuversicht stärken.

Schönheit wird uns nicht erlösen, aber ein Blumenstrauß – und wir reden hier von sterbenden Blumen – , ein liebevoll gedeckter Tisch. Die Schönheit der Gastfreundschaft, die Innigkeit des Zuhörens, des Zusammenseins können uns für Momente lösen aus dem unerbittlichen Griff der Bedrängnis, können Hoffnung wecken, das innere Gemütsgefüge stärken. Carpe momentum. Auch und gerade, wenn Krisen uns schütteln.

Es ist die Zeit, Schönheit zu gestalten, zu empfinden und zu teilen, um eine Balance herzustellen zwischen Erstarrung und Lebenskraft, zwischen der einen Wahrheit und der anderen, um zu helfen, die Welt ein bisschen zu heilen. Als kleiner Mensch in einer kleinen Nussschale, unterwegs auf dem rauen, grossen Wirklichkeitsmeer.

 

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