Die Regel des Heiligen Benedikt

81 Jahre und noch kein bisschen müde – das geht mir durch den Kopf, als ich Pater Anselm Grün in Zürich in einer Hotellobby treffe. Der Ordensbruder und Bestsellerautor verbindet christliche Tradition mit Tiefenpsychologie. Von den Millioneneinnahmen für seine Bücher fließt nichts in seine eigene Tasche. Heute ist er selbst mit seinem VW-Golf aus der Abtei in Münsterschwarzach in Bayern angereist und sitzt mir nun gegenüber. In einer einfachen Kutte. Vor uns zwei Gläser Leitungswasser. Pater Anselm Grün ist Benediktinermönch. Nicht überraschend, dass er in unserem Gespräch Benedikt von Nursia oft zitiert. Seine Mönchsregel ist eine Anleitung zum Leben in klösterlicher Gemeinschaft. Beinahe 1500 Jahre alt und sehr asketisch. Es geht darin um Weisheit, immer wieder um das rechte Maß in allen Dingen. Um Achtsamkeit und Sorgfalt. Ich frage mich: Was davon lässt sich für das Leben von uns Kreativen adaptieren?

Fünfmal am Tag halten die Benediktiner das Chorgebet. Es sei daher sehr interessant, meint Pater Anselm Grün mit seelenruhiger Stimme, dass Benedikt nicht zum Singen und Beten den Grundsatz beschreibt, Gott solle in allem verherrlicht werden. Diese Regel gilt explizit für die Arbeit.

«Die Spiritualität Benedikts ist eine geerdete. In der Art, wie man arbeitet, zeigt sich, ob man spirituell ist oder nicht.»

Ich frage nach, wie genau sich denn spirituelles Arbeiten auszeichnet. «Naja», meint Pater Anselm, «es geht um die Haltung.» Ich wage also einen kurzen Tauchgang in die Benediktinische Regel. Taugt sie als Gegenentwurf zu den bekannten, krankmachenden Symptomen der Gegenwart?

 

  • Arbeit als «Weg der inneren Formung» – frei übersetzt: Täglich üben, kein Arschloch zu werden.
  • Im richtigen Maß arbeiten – Statt sich im ständigen Output zu erschöpfen, kann die bewusste Begrenzung – feste Zeiten für Arbeit, Ruhe und Reflexion – die Qualität meines Schaffens vertiefen.
  • Demütig sein – Ein sperriger Begriff, auf den ich immer schon ambivalent blicke. In der Benediktinischen Tradition bedeutet sie nicht Selbstabwertung, sondern ein realistisches Verhältnis zu sich selbst. Sich weder von überhöhten Erwartungen noch von Selbstzweifeln dominieren zu lassen. Sie meint das Minimumwissen: Da ist etwas, das ist größer als mein Ich.
  • Achtsamkeit – das Alltägliche schätzen. Jede Tätigkeit, selbst die unscheinbarste, hat Bedeutung. Es muss also nicht immer spektakulärer Flow und der Kuss der Muse sein. Ich will in der Wiederholung, im scheinbar Gewöhnlichen derselbe Mensch sein.
  • Leben und Arbeiten in Beziehung – Es geht um den «Dienst an der Gemeinschaft», nicht um Wettbewerb. Gehe mal davon aus, Benedikt würde sich heute fix in einen Coworking-Space einmieten.
  • Frei von Geldgier sein und nicht betrügen. No words needed. Erklärt sich sowas von selbst.
  • «ora et labora» – bete und arbeite. Der Grundsatz lässt sich als Einladung verstehen, Spiritualität und schöpferische Tätigkeit nicht zu trennen, sondern als Einheit zu begreifen.

So verstanden, wird die Benediktinische Regel zu einer leisen, aber kraftvollen Orientierung für kreatives Arbeiten heute. Mich innerlich immer wieder ausrichten, Sinn finden und gleichzeitig konkret anpacken, mich erden, den Tag strukturieren.

«Die Arbeit ist eine konkrete Form, mich hinzugeben, mich auf Gott einzulassen»,

meint Pater Anselm Grün zum Schluss.

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