Eine Anekdote aus der jüngeren Vergangenheit
Im Februar dieses Jahres saß ich im ICE Richtung Dortmund und las «Mit Lyrik gegen den ICE-Terror». Ein Artikel der «Republik» darüber, welch wichtige Rolle Gedichte spielen. Im Widerstand gegen Trumps Truppen und bei der kollektiven Trauer um Renee Good und Alex Pretti, die in Minneapolis getötet wurden. Nach der Lektüre starrte ich mit dem mir bekannten Gefühlsmix aus Erschrecken, Ratlosigkeit und dem kleinen Fünkchen Wärme aus dem Zugfenster. Offensichtlich bekommt das Gedicht, jene vom Buchmarkt gering geschätzte und von Social Media verkitschte Gattung, gerade eine Hauptrolle zugeteilt bei der Erstbewältigung von einer verstörenden Gegenwart. Nach dem die verregnete Industrielandschaft eine ganze Weile an meinem starren Blick verübergezogen war, nahm ich mein Handy und tippte:
«Beim Lesen dieses Artikels musste ich an dich, unseren Lyriker-Freund denken. Schicke dir Grüsse. Danke für deine Arbeit als Dichter!»
Ich fügte ein blaues Herz hinzu, fragte mich, ob man in DMs an Lyriker Emojis verwenden sollte und kopierte den Link zum Artikel hinein. Ich bin dankbar für Menschen, die dokumentieren, kommentieren und versuchen, Worte zu finden. Und noch dankbarer, wenn ich durch ihre Worte plötzlich mehr verstehe oder so was wie Hoffnung durchblitzen sehe.
Im Anfang war das Wort, heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums. Diese Vorstellung vom schöpferischen Wort, das uns vorausgeht, fasziniert mich. Egal ob Dichterlesung oder Predigt von der Kanzel – in der Sprache kann Schöpferkraft mitschwingen. Die Aufregung darüber, dass Worte der Anfang von etwas Neuem sein könnten.
Das Verhältnis von Religion und Poesie ist einigermaßen verzwackt. Und doch mache ich mich immer wieder auf, Gemeinsamkeiten in Liturgie und Lyrik aufzustöbern. Ich vereinfache eines meiner Suchergebnisse hier drastisch: Die Gedichte, Lieder und Gebete, die mir gefallen, sind diejenigen, die sich unsicher sind. Sie tasten, statt mit dem Finger auf einen ganz bestimmten Punkt zu zeigen.
Mit Worten können wir uns schließliche dem unsagbaren Geheimnis nur dann annähern, wenn wir die Sicherheit der exakten Beschreibung verlassen. Die Theologie fragt: Wie kann ich etwas derart Unfassbares wie Gott sichtbar machen? Die Poesie: Wie kann ich erkunden, wofür mir die Worte fehlen? Am Anfang des Ausdrucks steht nicht mehr als eine Ahnung.
Ganz ehrlich: Der Rest ist doch nur eine Suchbewegung mit Sprache, ein Verschriftlichen von Unbeschreiblichem, ein Verdichten von Energie, die in der Luft liegt. Die Tools, derer wir uns bedienen, heissen Metapher, Symbole und Bilder.
Auch dieser Text soll mit einem Bild bestückt werden. Einem aus der Landwirtschaft. (Im digitalen Zeitalter eigentlich nicht mehr wirklich zugänglich. Aber die Bibel ist ja auch voll davon. Das mit der Adaption sollten wir hinbekommen.) Zum Bild: Das Wort «Vers» kommt vom lateinischen «versus», was die Wende des Pfluges am Ende der Furche meint. Dichten oder Songwriten ist also nichts anderes als ein Pflügen im unbekannten Gelände. Furche um Furche. Zeile um Zeile – eine sprachliche Suchbewegung. Denn vom Leben zu sprechen, als hätten wir es wirklich verstanden, von Gott zu sprechen noch vielmehr, ist eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Und trotzdem bete ich. Trotzdem schreibe ich, lese ich und höre mir Lieder anderer an. In der Hoffnung, dass durch das Wort etwas wird.
Mit dieser Hoffnung setze ich einen Auszug aus einem Text der renommierten deutsch-schweizerischen Lyrikerin und Autorin Nora Gomringer an das Ende dieses Textes. Ihr Ausgangspunkt ist ein Grab. Der Schlusspunkt?
«Gibt im Grab eine Zwischenzeile. Gibt in der Zwischenzeile ein Flüstern. Gibt im Flüstern ein Wachwerden und Tasten. Gibt im Unbestimmten ein Suchen. Gibt eine Bewegung, die ziellos ist. Gibt ein Versichern trotz lehmigen Grundes. Gibt ein Summen aus allem, das ist. Gibt ein Beten, ein Flehen, ein Hoffen.»