Wie laut darf Stille sein?

Ein gewöhnlicher Donnerstagmorgen, kurz nach 9:00 Uhr. Ich sitze in einer überschaubaren Runde. Die leitende Person des Treffens hat ein paar geistliche Gedanken mit uns geteilt und sagt dann: «So, wir möchten uns jetzt noch einen kurzen Moment der Stille nehmen.» Ich schließe vorbildlich meine Augen. Nach drei Sekunden dann der Zusatz, der mein Hirn innert Sekundenbruchteilen in den Irritations-Modus versetzt: «Ich lasse dazu etwas Instrumentalmusik laufen.» An andächtige Stille ist nicht mehr zu denken. Ich schaue mich kurz um. Bin ich der Einzige, der das irgendwie ironisch findet? Scheint so. Der Gedanke über die unterschiedliche Definition von «Stille» lässt mich seither nicht mehr los.

Fun Fact für Ton-Nerds
Null Dezibel ist keine absolute Stille, da liegt nur die menschliche Hörschwelle. Der wohl leiseste Ort auf der Welt (Guinness World Record 2021) ist der Schallmessraum des Ortfield-Labors in Minneapolis. Dort konnten -24.9 Dezibel gemessen werden. Für das menschliche Gehör ist dieser Raum eher eine Überforderung, welche man nicht lange aushält.

Einen schalltoten Raum hätte ich mir damals nicht gewünscht, aber das Verlangen nach Musik in einem Moment, der eigentlich für Stille vorgesehen wäre, wird aus meiner Sicht auch überbewertet. Der Mut zur Pause scheint nicht die Stärke von uns Neuzeitmenschen zu sein. Auch im Worship-Setting wurde mir schon früh beigebracht, die Lieder möglichst für den «Flow» miteinander zu verbinden. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch Sinn ergeben, doch ich entdecke aktuell wieder neu die Freude an unbespielten Momenten.

Ein Gegenpol zur Dauerberieselung, die allzu oft unseren Alltag umgibt.

Fun Fact für Fernseh- und Radiofreunde
Die Medienlandschaft hat ziemliche Angst vor Stille auf dem Sender. Wenn zum Beispiel im Nachtbetrieb des Schweizer Fernsehens eine Sendung nicht abgespielt werden kann oder der Ton für drei Minuten ausfällt, wird automatisch das Notfallprogramm «Schweiz von oben» gesendet. In Deutschland haben Joko und Klaas dieses Sicherheitsnetz bei ProSieben auch schon unterhaltsam und erfolgreich getestet.

Beim Schreiben dieses Textes – mit aktivierten «Noise Cancelling»-Kopfhörern im Großraumbüro – wird mir auch meine privilegierte Sicht auf die Stille bewusst. Achtsamkeits-Ratgeber sind im Trend und zeigen unser Verlangen nach dem Pausenknopf in einer gestressten Gesellschaft. Doch Menschen in Krisen- und Kriegsgebieten haben ziemlich sicher eine andere Sehnsucht nach Stille als wir hier in sicheren Gebieten. Da wird der Wunsch nach Stille zu einem Wunsch nach Frieden oder immerhin nach einem Waffenstillstand.

Fun Fact für historisch interessierte Menschen
Der Brauch einer Schweigeminute entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1912 wurde in Portugal ein erster Moment dokumentiert, der zehn Minuten dauerte. Heute, zum Beispiel auf dem Fußballplatz, geht so eine Minute eher so gefühlt 20–30 Sekunden.

Ich mag die Vielseitigkeit der Stille auch in der Sprache. Ob gespenstisch, peinlich, lähmend, erwartungsvoll oder sogar tot. Das stille Örtchen, das stille Wasser oder die stille Zeit mit Versen wie «Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin!».

Fun Fact für Grammatikfans
«Stillleben» wird erst seit der Rechtschreibreform 1996 mit drei l geschrieben.

Wie formatiert man in Texten eigentlich Stille? Vielleicht so:

Jetzt bin ich ruhig und gönne dir einen kurzen Moment der Stille.

 

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