Es ist Samstag, der 30. Mai, 18:17 Uhr. Eigentlich hätte ich diesen Blogartikel längst schreiben sollen. Die vereinbarte Deadline ist der 1. Juni. Stattdessen habe ich die letzten Tage einen Satz gesucht.
Wirklich.
Nicht den Artikel.
Einen Satz.
Ich wusste nicht mehr genau, wie er lautete. Nur noch, dass er mich vor Jahren einmal bewegt hatte. Also klickte ich mich durch alte PDFs, Studienunterlagen und Notizen. Es war absurd. Je länger ich suchte, desto mehr fragte ich mich, warum mich ausgerechnet dieser Satz nicht losließ.
Vielleicht ist das im Leben manchmal genauso. Man sucht etwas und merkt irgendwann, dass man es längst gefunden hat.
Oder zumindest die Spur davon.
Der gesuchte Satz begegnete mir während meines Designstudiums. Er stammte aus «Design to Improve Life» – einer Initiative von «The Index Project» (ehemals INDEX). Die dänische Organisation beschäftigt sich mit der Frage, wie Design dazu beitragen kann, das Leben von Menschen zu verbessern. Deshalb brachten sie Designprozesse in Schulen und bezogen junge Menschen bewusst mit ein, wenn es um Ideen, Innovation und gesellschaftliche Herausforderungen ging. Den genauen Wortlaut habe ich vergessen. Die Idee dahinter nicht.
Warum warten wir so oft darauf, dass junge Menschen erwachsen werden, bevor wir von ihren Ideen für das Heute und das Morgen profitieren?
Dieser Gedanke hat mich damals aufhorchen lassen. Nicht, weil es um Design ging. Sondern weil es um die Frage ging, wem wir es zutrauen, etwas zu bewegen. Damals wusste ich das noch nicht. Aber die Frage war längst da. Der Satz gab ihr nur einen Namen.
Jahre vor meinem Designstudium schrieb ich in meiner Diplomarbeit über Kreativität. Rückblickend betrachtet vielleicht nicht die naheliegendste Themenwahl für eine angehende Sozialpädagogin. Meine Kommiliton*innen schwitzten über sozialen Fragestellungen. Ich saß daneben und fragte mich:
Wie entstehen eigentlich geile Ideen? Oder genauer: Warum kommen manche Menschen auf super gute Gedanken, bei denen andere nur fragend die Stirn runzeln? Und wo findet Kreativität eigentlich statt? Nicht: Was ist Kreativität? Sondern: Wo entsteht sie?
Ein paar Jahre später tauchte dieselbe Frage wieder auf. Diesmal nicht zwischen Büchern und Theorien, sondern mitten in der Praxis. Bei «BrainStore», den Innovations-Entrepreneurs aus Biel, wurden für die Ideenentwicklung Teams sehr bewusst zusammengestellt: Insider, Outsider, Expertinnen, Experten, Hater – und Jugendliche. Was mich beeindruckte: Es ging nicht um nette Kreativübungen, sondern um reale Herausforderungen von Unternehmen. Und mittendrin saßen Jugendliche. Nicht als Zielgruppe, sondern als Mitdenkende.
Zum ersten Mal erlebte ich, dass Beteiligung mehr sein kann als ein schönes Wort. Erst viel später verstand ich, warum mich die Erfahrungen mit «BrainStore» so bewegt hatten. Sie kreisten alle um dieselbe Frage:
Wer darf mitgestalten? Wer bekommt einen Platz am Tisch? Wem trauen wir zu, etwas zu bewegen?
Früher oder später musste ich wohl bei der Designpädagogik landen. Dort begegneten mir dieselben Fragen noch einmal. Und zum ersten Mal eine mögliche Antwort darauf. Design ist für mich eines der Felder, auf dem Menschen lernen können. Eines wie die Musik, Mathematik oder das Kochen. Ein Medium, durch das wir etwas über uns selbst erfahren, über andere und darüber, wie wir unsere eigene Welt gestalten können und möchten. Unseren Stundenplan, unsere Küche, unsere Kirche, unsere Nachbarschaft, unser Business.
Design entwirft immer auch eine mögliche Zukunft. Und wer mitgestalten darf, entscheidet, wie diese Zukunft aussieht.
Dieser Ansatz begleitet mich bis heute in meiner Arbeit und meinen Projekten. Wenn ich mit Jugendlichen arbeite, interessiert mich, ob sie erleben, dass ihre Ideen zählen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Bei aller Recherche und beim Wühlen in Dokumenten: Den Satz habe ich nicht wiedergefunden. Den roten Faden schon.