Ich bin ein Listentyp. Deshalb weiss ich zum Beispiel, dass mein erstes Konzert überhaupt U2 im Zürcher Letzigrund 2009 war. Oder dass ich mich am 12. Januar 2020 über die Logik des Films «Tenet» aufgeregt und ihn deshalb mit nur 2.5 Sternen bewertet hatte. Ich könnte jederzeit eine Liste mit Restaurantempfehlungen in den größeren, europäischen Städten zücken – falls nötig.
Listen geben mir Halt. Vor allem geben sie mir aber einen Zugang zur melancholischen Ecke meines Charakters. Mich fasziniert und erschreckt die Vergänglichkeit des Lebens immer wieder von Neuem.
Viel zu oft springe ich von einer Idee zur nächsten, befinde mich mehr im Tun als im Sinnieren. Auf diese Weise entsteht zwar immer wieder Neues, aber mich begleitet dafür stets ein Gefühl der Rastlosigkeit und mangelnder Aufnahmefähigkeit dessen, was gerade um mich herum passiert.
Ich bin nicht der einzige, den dieses Thema zu beschäftigen scheint. Im Musée Visionnaire im Niederdorf in Zürich widmet sich seit Mitte Juni eine Ausstellung «künstlerischen Positionen, die Listen als ästhetische, performative und dokumentarische Praxis untersuchen». Besucherinnen und Besucher sind ausdrücklich dazu eingeladen, mit eigenen Listen zu der Ausstellung beizutragen.
So verarbeitet zum Beispiel die Zürcher Künstlerin Dominique Bondy ihre Alltagsplanung künstlerisch in ihren Agenda-Bildern. Ihre Arbeiten zeigen, wie persönliche Routinen, Termine und To-Do-Listen zu poetischen Bildern werden.
Hermann Reinfrank sammelte als Busreiniger in seiner Nachtschicht Fundstücke aus den Buslinien der Verkehrsbetriebe St. Gallens und verwandelte sie in künstlerische Artefakte. Er machte Übersehenes aus einer leisen, menschlichen Perspektive sichtbar. So wird er auch nach Lebzeiten gerne als «Archäologe des Alltags» beschrieben.
Ebenfalls Teil der Ausstellung ist Hulda Zwingli, eine Kunstfigur, hinter der ein Kollektiv von rund einem Dutzend Frauen aus der Schweizer Kulturszene steht. Sie macht auf die Unterrepräsentation von Frauen in Kunst und Öffentlichkeit aufmerksam und zeigt, wie Auflistung sowohl Ordnung als auch Kontrolle und Machtstrukturen vermittelt.
Ergänzt werden diese und weitere Künstlerinnen und Künstler von zahlreichen privaten Eingaben, die ihre Listen zur Verfügung stellen. So wächst die Ausstellung immer weiter und versteht sich als «dynamisches Projekt, das Listen nicht nur als Mittel der Ordnung, sondern als Ausdruck von Erfahrung, Imagination und gelebter Realität erfahrbar macht». Die Ausstellung läuft noch bis zum 20. Dezember 2026.
Mal schauen, ob ich eine meiner persönlichen Listen einschleusen kann. Zum Beispiel diese hier:
Auszug aus meiner Filmbewertungs-App «Letterboxd»
- Januar 2023: Tenet, 2.5 von 5 Sterne
«Es geht nicht auf!!!!!!» - April 2026: There Will Be Blood, 4.5 von 5 Sterne
«Bei dem Soundtrack zieht’s dir die Haut ab! Und ausser Daniel Day Lewis’ Schnauz gefällt mir also nur, wie überzeugend er seine Rolle spielt. Was für ein niederträchtiger, geldgetriebener Mensch. Heavy Stuff. Und ich habe erst bei der Schlussszene gecheggt, dass Eli einen Zwillingsbruder hat?! Ist das echt? Oder hat er das gefaked? Check ich nicht – aber guter Film.» - Dezember 2022: Triangle Of Sadness, 3 von 5 Sterne
«Mir ist immer noch etwas schlecht… Was für ein random Montag Abend. Irgendwie geil, irgendwie nicht so geil. Ich bin einfach froh, dass ich nicht reich bin.» - August 2025: Heldin, 4.5 von 5 Sterne
«Schlimm, wie einen dieser Film einnimmt. Respekt war und bleibt da! Schluss gennnnnnnnial!» - März 2024: Get Out, 4.5 von 5 Sterne
«Ich hätte diesen Film NICHT!!!!! alleine schauen sollen. Aber brutal gut. Holy Shit.» - November 2024: Notting Hill, 1.5 von 5 Sterne
«Alter… Jetzt habe ich dafür wieder ein Jahr Pause von diesen Schnulzen.» - März 2026: Punch-Drunk Love, 2 von 5 Sterne
«Irgendwie habe ich den Film bis zum Ende nicht verstanden. Adam hat mich stark an seine Rolle bei ‘Uncut Gems’ erinnert. Dort fand ich’s aber besser umgesetzt. Naja.»