Ich bin auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause. Das mentale Chaos eines langen Arbeitstages im Kopf. Ich leide an Alltagskurzsichtigkeit. Plötzlich ein lautes Rauschen, ein Brausen. Wie aus einer Dolby Surround-Anlage fegt es von hinten über mich hinweg. Jetzt erst sehe ich das Dach aus Flügelschlägen. Ein Vogelschwarm zieht meinen Blick Richtung Himmel. Regelmäßig in die Weite blicken hilft gegen Kurzsichtigkeit, habe ich mal gelesen.
Ein anderer Tag. Der Juli zwingt mich, frühmorgens im Wald joggen zu gehen. Ich biege um eine leichte Kurve, da steht ein Reh auf dem Schotterweg. Ich bleibe stehen. Wir schauen uns an. Beide wie erstarrt. Ich weiss, dass das Tier in wenigen Sekunden aufgeschreckt in die Büsche springen wird. Ruhig atme ich ein und aus. Mein Puls sinkt. Mir kommen die Tränen. Wollte ich beschreiben, warum, verirrte ich mich in Naturromantik. Das will ich nicht.
Erfahrungen wie diese lassen sich nicht erzwingen. Ich kann nicht einfach losgehen und mir Echtheit, Trost, Klarheit, Ergriffenheit oder sonstwas aus einem Erlebnis ziehen. Ich kann lediglich die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen. Das zumindest behauptet der Soziologe und Philosoph Hartmut Rosa. In seinen neueren Publikationen ergänzt er seine Theorie der Resonanzerfahrung mit dem Begriff der «Weitwinkelaufmerksamkeit». Dabei richtet man seine Aufmerksamkeit nicht eng auf ein Ziel, sondern hält sie offen. Was nicht bedeutet, unkonzentriert zu sein, sondern vielmehr empfänglich. Das tönt erstmal nach einem Gegenentwurf zum Ruf unserer Zeit nach Fokus und Effizienz.
«Weitwinkelaufmerksamkeit» ist wie ein Modus zu verstehen, in dem Begegnung, Überraschung und Resonanz überhaupt erst möglich werden. Momente also, in denen uns die Welt anspricht.
Mich persönlich «spricht die Welt» in der Natur, in der Kunst und in Geschichten «an». Der Grund dafür liegt darin, dass diese Dinge an sich schon «ansprechend» sind. Nicht, weil sie hübsch sind. Hier geht es nicht um bloße Ästhetik. Nicht immer, aber manchmal werde ich von ihnen angesprochen und mitgenommen. In ihnen steckt ein Flüstern. Ich nenne es «Gott».
Jesus war in Sachen Kommunikation in ähnlichen Sphären unterwegs. Als er von seinen Ideen erzählte, sprach er in Gleichnissen, Bildern und Geschichten. Von Feigenbäumen, Öllampen, Weizen und Wölfen. Die Künstlerin und Theologin Jelena Herder sagte in ihrer Predigt «Der poetische Jesus» vom 1.3.2026 bei UND Marburg, dass Poesie dabei nicht einfach Jesu Mittel der Wahl war. Sie sei vielmehr notwendig. Das Himmelreich brauche Bilder.
«Jesus möchte keine Theorie darlegen, keine Fakten aufbereiten oder von einer These überzeugen. Jesus macht eine neue Wirklichkeit erfahrbar.»
Bilder seien nicht beliebig, sondern vieldeutig und mit Spielraum zu verstehen. So, wie Künstlerischem ganz generell etwas Spielerisches innewohne. Dabei ist das Künstlerische so viel mehr als eine bloße Form. Es lässt eine Idee konkret werden. Es lässt einen das Himmelreich, von dem Jesus sprach, in Raum und Zeit erahnen und erfahren.
By the way: Wir sind hier nicht in der Werbebranche. Die göttliche Wirklichkeit hat keine ansprechende Verpackung nötig. Sie ist selbst «ansprechend». Sie verwickelt mich in ein Gespräch. Und wenn ich will, werde ich dadurch Teil dieser Geschichte.
Es ist 34 Grad. Heute Abend gehe ich auf einen Sprung in den Rhein mit Rosas «Weitwinkelaufmerksamkeit». Ich werde ganz untertauchen. Dabei mich selbst und das grüne Wasser in einer seltenen Intensität wahrnehmen und mich vom Fluss und der Dankbarkeit über das Leben treiben lassen. Eine hundertprozentige Gotteserfahrung. Vielleicht werde ich mich heute aber auch am Rheinwasser verschlucken, mich leicht panisch an meinem Wassersack festhalten und mir wegen der klimabedingt zu hohen Wassertemperaturen von Binnengewässern Entenflöhe einfangen. Wir werden sehen. Ich bleibe offen.